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Der Theatersüchtige

Sommertheater der Straße

Abend ist. Rote Sonne flutet den Horizont. Ein Mann betritt die Bühne von rechts, bleibt vor dem Tisch stehen.

Die Frau schaut auf, ihm direkt in die Augen. Seine Hand greift in die Jackentasche, zieht langsam ein Taschentuch heraus, knetet es umständlich in der Hand, bevor er es zur Nase führt. Er setzt sich, die Beine breit, die Ellebogen auf den Tisch gestützt. Schweiß rinnt ihm von der Stirn. Am Tisch hinter ihm der Typ, den ich bisher gar nicht beachtet habe, steht abrupt auf, dreht sich um, schaut ihm über den Kopf und über den Kopf der Frau. Sie beachtet ihn jedenfalls nicht, redet vor sich hin. Mit einer herrischen Bewegung ruft der Typ irgend etwas, es klingt wie ein Kampfruf. Ein Mann mit schwarzer Weste tritt aus dem Haus, bedächtig treten beide, der schwarzbewestete und der Typ, nebeneinander, in stiller Andacht in ein Gespräch versinkend, bis der Typ plötzlich ein Portemonnaie zückt, der andere auch. Schrilles Lachen antwortet von links, eine Frau und ein Kind dort am Tisch sitzend beugen sich über ein Häufchen am Boden. Dort glitzert es wie Sternenstaub, am Boden verstreut, das Kind streckt den Finger aus, ein Schlag von der Hand der Frau, die Hand des Kindes zuckt zurück, ein Riese, der hinzugetreten ist, nimmt es, reißt es fast vom Stuhl, hebt es auf den Arm, wirft es so hoch, daß ich es nicht mehr sehen kann, die Frau lacht, das Kind fällt zurück in die Arme des Riesen, kreischt. Der schmaler Zwerg, der gerade stocksteif vorübergeht, hält sich die Ohren zu, sein Hut fällt auf die Straße. Er bückt sich. Ein Hund, wie aus dem Nichts kommend, reißt ihm den Hut weg, rast davon, der Zwerg rennt hinterher, die Beine weit von sich schmeißend, wie steife kleine Stelzen – und ist aus dem Bild. Die Mutter des Kindes wischt mit einem weißen Tuch den roten Fleck am Boden auf. Das Tuch ist rot gefärbt. Der Fleck verschwindet nicht, der Fleck. Das Kind tunkt den Finger hinein, streicht über sein Gesicht, seine Nase, sein Hemdchen. Ein Schrei, die Frau fuchtelt mit dem weißen Tuch in der Luft, der Riese hebt das Kind hoch. Es malt mit dem Finger einen Punkt auf die Nase, und alle drei verschwinden in der Tür, wo auch die Schwarzweste hineinschlüpft. Der Typ mit dem Portemonaie geht ab, und der Mann mit den aufgestützten Ellenbogen sitzt immer noch da, starrt in das Loch, wo die Frau eben noch saß. Sie kommt zurück, trocknet die Hände am kurzen Rock, bleibt stehen vor dem Tisch, schaut auf seinen Kopf, wo eine Glatze sich ausbreitet. Er erhebt sich mühsam. Beide gehen ab.

Niemand klatscht Beifall, nur ich alleine, auf der Mauer sitzend, hinter meinem Rücken. Wer erwartet schon Straßentheater am Mittwoch eines ganz normalen Abends im Sommer.

von Dirk Harms


2 Kommentare

Corinne
Corinne

03. November 2009
Was für ein schöner Text - überredet, ich werde zum nächsten Welttheater nach Schwerte kommen. Nun bin ich wirlich gespannnt.
Uwe Görke
Wat_einzelportrait_262cc

04. November 2009
In der Tat ein wunderbarer Artikel! Daumen hoch!

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